24.10.2009. 
Nachgedrückt vom gleichnamigen Buch, 
Asklepion, Berlin, 1812, Seiten 17-24, 43-44.

Ausschnitte aus dem Buch
"Allgemeine Erläuterung über den Magnetismus
und den Somnambulismus"
von
Dr. F.A. Mesmer

Es lässt sich als Wahrheit annehmen, daß unter den Volksmeinungen aller Zeiten, deren Grund nicht im menschlichen Herzen liegt (wie z.B. Furcht und Hoffnung) wenige sind, die, wenn sie auch beim ersten Anblicke als lächerlich erscheinen, nicht als schätzbare Überreste einer ursprünglich durch lange und allgemeine Erfahrung bestätigten Wahrheit betrachtet werden könnten. Diese Ansichten erzeugten sich in mir, nachdem ich nach meinem Eintritte in die medizinische Laufbahn die Beobachtung gemacht hatte, daß es dieser gepriesenen Kunst noch am Wesentlichsten, nämlich an einem direkten, auf die Nerven wirkenden, Heilmittel mangle, das Jahrhunderte lang durch Experimentiren in den bekannten 3 Reichen der Natur vergeblich gesucht wurde. Ich gerieth auf die Muthmassung: daß dieses Mittel, als ein alles belebendes, allgemeines Agens oder Prinzip nicht aus der grobern, in die gewöhnlichen Sinne fallenden Materie bestehen - daß es zwar Materie, jedoch keine wiegbare Substanz seyn könne.

Um nun dieses Mittel ausfindig zu machen, wandten sich meine Betrachtungen nach der durch das Alter entstellten und kaum aus der Tradizion noch bekannten Meinung oder Lehre eines allgemeinen Einflusses in der Natur, welcher zufolge, wie uns die Sage berichtet, ehemals (vielleicht wohl nicht ohne Grund) der Glaube herrschte: daß die menschlichen Schicksale und die Ereignisse in der Natur vom Laufe und von den verschiedenen Stellungen der Gestirne abhängen. Das tiefere Eindringen in die Betrachtungen der Überreste einer bei mehrern Nazionen der Vorzeit verbreiteten Wissenschaft gab mir die Erkenntniss: daß die grossen Körper, die der Sprachgebrauch die Himmelskörper nennt, wirklich auf einander wirken, und auf eine gewisse Art die Bewegungen unsers Erdballes regieren. Die Bestätigung davon liegt in den gemachten neuern Beobachtungen, welche die Wechselwirkungen, im Meere des Ein - und Ausflusses bei Ebbe und Fluth, die Einwirkungen des Mondes bei Vegetazionen, Fermentazionen, Organisazionen, wie auch die Abwechselungen der Jahrszeiten, der sogenannte Instinkt der Thiere zu periodischen Wanderungen, zur Zeugung, und zu fast allen zur Erhaltung dienlichen Mittel, darbieten, was Alles auf eine allgemeine Verbindung der Wesen in der Natur hindeutet. …

In der nämlichen Einwirkung dieses wechselseitigen Strömens entdeckte ich die unmittelbare Ursache jener alternirenden Bewegung des Ozeans, der Ebbe und Fluth, und erhielt die Überzeugung, daß die Näturthätigkeit, - die Ursache dieser Erscheinung, - sich nicht nur auf dieses Element einschränke, sondern sich über alle Bestandteile des Erdballes ausbreite, indem sie durch die tägliche Umdrehung desselben das alternirende Steigen und Fallen (Intensio und Remissio*) der Eigenschaften der organisierten Materie bestimmt, wodurch alles, was ist, Leben und Seele erhält; so daß endlich diese abwechselnde Thätigkeit, als die allgemeinste von Allen, für das Leben der Welt eben so unentbehrlich ist, als es für die thierische Ökonomie die beiden Akte der Respiration sind. Dass der Magnetismus oder wechselseitige Einfluss die allgemeinste Thatigkeit (Actio) und also der Magnet als das Model, das Vorbild des innern Triebwerks der Natur zu betrachten ist, wird im Verfolge durch die weitere Auseinandersetzung erkannt werden können.

Ich gehe für jetzt zu demjenigen zurück, was ich, durch die obigen Betrachtungen geleitet, unternahm. In einer Schrift, welche im Jahre 1764 erschienen war, führte ich den Beweis über das Daseyn eines allgemeinen Magnetismus, welcher in Zukunft die noch unerklärte Anziehungskraft (Attractio) ersetzen sollte, und that zugleich dar, daß der menschliche Körper mit der dem Magnet ähnlichen Eigenschaft der Polarität begabt sey.

Die unverrückte Aufmerksamkeit, womit ich, von diesem Gesichtspunkt ausgehend, die mir vorkommenden Krankheiten beobachtete, gab mir folgende Resultate; sie liess mich

1) die erwähnte Art des Einflusses, der Ebbe und Fluth, nämlich Intension und Remission im Menschen deutlich wahrnehmen; sie zeigte mir

2) daß derselbe nebst den bekannten Werkzeugen der äußern Sinne, als des Gesichts und Gehörs, mit einem innern Organ, das ich den innern Sinn nenne, versehen ist, mittelst dessen er mit Wesen, die ihn entfernt umgeben, unmittelbar in Beziehung (en rapport) seyn kann.

3) Dass es möglich sey, in der subtilen Flüssigkeit, von der alles durchdrungen ist, eine verstärkte in einer besondern Bewegung bestehende Kraft (die ich künftig unter der Benennung Ton begreifen werde) zu bewirken, und ihr mitzutheilen, die ich auch in mir erweckte, und die von mir durch mittel- oder unmittelbare Berührung in belebte und unbelebte Körper übergehen konnte:

4) daß diese Kraft in den kranken Theilen des menschlichen Körpers verschiedene Empfindungen und Krisen hervorbringt;

5) daß die nämliche Kraft, wie Elektrizität geleitet, konzentrirt, in Schall und Licht fortgepflanzt, und im letztern reflektirt werden; und

6) daß endlich eben dieselbe Kraft (oder Prinzip), wenn sie als eine alles durchdringende Flüssigkeit auf die innerste Substanz der Nerven geleitet wird, einer besondern Theorie der Krankheiten und der Wirkungen zufolge, das gesuchte Agens abgebe.

Diese für das Studium der Natur so reichhaltigen Entdeckungen kündigte ich im Jahr 1775 der Akademie in Berlin unter der Benennung des thierischen Magnetismus förmlich an; eine Benennung, welche sich durch die Natur der Sache als ein Theil des allgemeinen Magnetismus rechtfertigt. Anstatt aber daß diese Bekanntmachung, wie zu erwarten gewesen wäre, das Interesse der Arzte erweckt hätte, wurde sie mit geringschätzigem Kaltsinn aufgenommen, und, ich muss glauben, zur Beschönigung der unterlassenen Prüfung, die Möglichkeit der Erscheinung, als den angenommenen bekannten Prinzipien der Physik zuwider, geläugnet.

So ein weites Feld sich mir dadurch zu einer polemischen Fehde geöffnet hatte, so zog ich es dennoch vor, anstatt den vorgeworfenen Fehdehandschuh aufzuheben, die bezweifelte Möglichkeit in der Nutzanwendung der gesammelten Kenntnisse augenscheinlich zu machen. Diesem zufolge erfand ich eine ganz neue unbekannte Methode, Krankheiten ohne Gebrauch der Arzneien zu heilen, und übte dieselbe, mit gänzlicher Ausschliessung der früher durch 15 Jahre angewandten alten Praktik, anfänglich zu Wien und später im Umfange des französischen Reiches aus.

Wenn es auch der blossen wörtlichen Darstellung nicht immer gelingt, die Überzeugung für sich zu gewinnen, so pflegt diese doch gewöhnlich anschaulichen Thatsachen zu folgen; man hätte daher glauben sollen, daß der fortgesetzte glückliche Erfolg in der Anwendung jener Methode bei schweren Krankheiten dieselbe hervorgebracht hätte; an ihre Stelle aber traten Neid und Undank, und erzeugten eine Verbindung vieler Gelehrten Teutschlands und Frankreichs, deren Zweckes war, mich und meine Unternehmungen wenigstens verächtlich zu machen, wenn es nicht völlig gelingen würde, das Andenken daran zu vertilgen; das allgemeine Losungswort war: Betrug und Charlatanerie.

Es ist ein besonders merkwürdiger Zug in der Geschichte dieser Entdeckung, daß ein Minister der vorigen Regierung in Frankreich zu der seiner unwürdigen Schwäche sich verleiten liess, jedes Mittel anzuwenden, das seine Macht ihm darbot, um die Aufklärung über diesen Gegenstand in ihrem Keime zu ersticken. Nachdem er, ungeachtet meiner offentlichen Protestazion, in Leuten, die nicht die entferntesten Kenntnisse der Sache besassen, eine eigene Commission bestellt hatte, welche meine Entdeckung und Lehre in einer dritten Person zum Schein untersuchen, und sie als nicht Probe haltend verurtheilen musste, so genoss er bei der Akademie der Wissenschaften die Ehre des Triumphs, feile Schmeichler schwangen das Rauchfass, und scheuten sich nicht, in der übertriebenen Lobpreisung: "daß er die Wissenschaften vor einem, das Jahrhundert schändenden, Irrthum bewahrt habe," ein Pasquill auf seinen Verstand zu machen.

Mit dem eigens verfassten gedruckten Berichte dieser Commission überschwemmte er ganz Europa, und als er, durch höhern Ausspruch, beschränk wurde, weiterzugehen, endigte er damit, daß er meine Lehre und Heilmethode auf den Schaubühnen dem öffentlichen Spotte Preis gab. So ward durch die Kabalen der Missgunst der Glaube an Erkenntnisse, aus denen für die Menschheit Trost und Hülfe hervorgehen sollen, fast allgemein verdrängt und erstickt; um den angenommenen Unglauben nicht verlassen zu müssen, wurden die Augen vor nicht zu bezweifelnden Thatsachen zugeschlossen, und die nützlichen Entdeckungen, Früchte eines zehnjährigen angestrengten Fleisses, gingen in schimpflicher Dunkelheit verloren.

Indessen waren weder Widerwärtigkeiten so mancher Art, noch Verfolgungen vermögend, mich in meinen Anstrengungen zu ermüden, vielmehr verdoppelte ich dieselben, um für die der Menschheit so wichtige Wahrheit zu siegen, und blieb unerschütterlich bei dem Entschlüsse stehen, mein physisches Lehrgebäude über Natur und den Menschen an die von Nationen der Vorzeit kultivirte, von unserm Zeitalter aber misskannte Lehre des allgemeinen Einflusses anzuschliessen, um durch dasselbe zur anschaulichen Erkenntniss des Triebwerks, eines noch unsichtbaren Theils des Universums zu gelangen, und durch dessen Anwendung für den Menschen eine gründliche, einfache, gemeinverständliche Erhaltungs-Wissenschaft einzuführen.

 

* * *

Die unmittelbarste Thätigkeit des Magnetismus oder des Einflusses dieser Flüssigkeit besteht darin, die Thätigkeit der Muskelfiber durch eine vermehrte, tonische, und dem organischen Theile, zu dem sie gehört, analoge Bewegung zu vermehren und zu verstärken, indem die Nervenbewegung, das Leben selbst mehr belebt wird.

Der Beweis, daß die Anwendung dieses Verfahrens den Verlauf der Krankheit entwickelt, liegt in unzähligen Beobachtungen; das heisst: nach einem mehr oder weniger entscheidenden Kampfe zwischen der Einwirkung und dem Widerstand, bestimmt und befördert es die Ordnung und den Gang, in welchem sich Ursache und Wirkung folgen müssen, um die Wiederherstellung der Gesundheit zu bewirken; indem es in allen Fällen auf eine sichere Weise die Krisen und ihre relativen Wirkungen erweckt.

Der thierische Magnetismus, als ein Agens betrachtet, ist wirklich ein unsichtbares Feuer; nur kommt es bei dessen Anwendung darauf an:

1) Dieses Feuer durch alle möglichen Mittel erwecken, unterhalten, verstärken, und auf die Ursache der Krankheit anwenden zu können, deren Verbindung und Zusammenhang zu entdecken ist.

2) Die Hindernisse zu erkennen und zu beseitigen, welche seine Thätigkeit und die gradweise Wirkung, so man durch die Behandlung hervorbringen will, stören oder aufhalten können.

3) Den Gang ihrer Entwickelung zu kennen und vorauszusehen, um den Verlauf bestimmen und mit Festigkeit bis zur Heilung abwarten zu können.

In diesen drei Grundregeln besteht im Allgemeinen die Anwendung des thierischen Magnetismus, als Mittel, vor Krankheiten zu bewahren und dieselben zu heilen.

Vernunft und ununterbrochene Erfahrung haben bewiesen, daß dieses Feuer konzentrirt erhalten und auf einem gewissen Grad verstärkt werden kann; daß das Wasser, die Thiere, die Bäume und alle Vegetabilien, so wie die Mineralien empfänglich sind, dasselbe in sich aufzunehmen, und, worüber man sich noch mehr verwundern kann und wird, daß selbst die Sonne, der Mond und andere Gestirne es empfangen, verstärken und zurückwerfen können.

 

* * *

Ich überlasse nun ruhig der Kritik meine Theorie zur Beurtheilung; was aber immer ihr Ausspruch seyn mag, so erkläre ich hiermit, daß eine Antwort von mir vergeblich erwartet würde, indem es mir dazu an Zeit und Willen gebricht. Denn denjenigen, welche unfähig sind, mir Rechtlichkeit und Grossmuth zuzutrauen, und sich es nur zum Verdienste anrechnen, mich feindselig zu verfolgen, ohne etwas besseres für das zu geben, was sie zerstören wollen, diesen würde ich nichts zu sagen haben. - Ja mit grosser Freude würde ich bessere Geister, als der meine, auf festere und hellere Prinzipien kommen, ausgebreitetere Talente als die meinen, neue Thatsachen entdecken, und durch ihre Entwickelungen und Arbeiten meine Entdeckung auf einen weit höhern Grad des Interesse stellen sehen. Mit einem Wort es muss mir angenehm seyn, wenn man es besser macht als ich.

So ist es mein lebhaftester Wunsch, daß meine Zeitgenossen nicht bei meinen Entdeckungen stehen bleiben, sondern die angegebene Spur verfolgen, und ihren Nachkommen die neue Wissenschaft bis zur Vollkommenheit vollendet als ein theures Vermächtniss hinterlassen mögen. Gern begnüge ich mich mit der Ehre, der wissenschaftlichen Untersuchung ein eben so weites als fruchtbares Feld geöffnet, und gewissermassen die neue Bahn gebrochen zu haben.

Da mir nur noch eine kleine Strecke auf dem Pfade meines Lebens zu durchmessen übrig ist, so kenne ich kein wichtigeres Geschäft, als den Überrest meiner Tage allein der praktischen Anwendung eines Mittels zu weihen, dessen ungemeinen Nutzen mich meine Beobachtungen und Erfahrungen erkennen gelehrt haben, damit mein letztes Wirken die Anzahl der Thatsachen vermehre, und, wenn diese lauter als Worte zur Überzeugung gesprochen haben werden, die Erhaltung des Menschen künftig nicht mehr durch Ungewisse Arzneimittel, wie durch ein unsicheres Glücksspiel bestimmt werde.


Anmerkungen

*) Die Worte Intension und Remission bezeichnen die Vermehrung oder Verminderung der Kraft oder Fähigkeit, sie dürfen nicht mit Intensität, wodurch die Wirkung ausgedrückt wird, verwechselt werden.

Zusätzlicher Stoff

  • Abhandlung über die Entdeckung des thierischen Magnetismus von Franz Anton Mesmer (1781).
  • Mesmerismus oder System der Wechselwirkungen, Theorie und Anwendung des thierischen Magnetismus als die allgemeine Heilkunde zur Erhaltung des Menschen von Dr. Friedrich Anton Mesmer (1814).
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