Nachdruck aus der Zeitschrift 
"Deutsche Kunst und Dekoration", 
Band XLV, Oktober 1919 - März 1920. 
Seiten 287-289.

Nikolas Roerich - 
ein Artikel aus der Zeitschrift 
"Deutsche Kunst und Dekoration"

Unter den russischen Künstlern hat Nikolaus Roerich den ausgesprochensten Sinn für die entfernten vareghischen, tschudischen, slavischen Abstammungen. Ich glaube auch wirklich, daß von allen Künstlern, die sich in verschiedenen Ländern mit der Vorgeschichte befaßt haben, Roerich als der freimütigste dasteht; hat er sich doch weit weniger bemühen müssen als andere, um sich gewissermaßen ganz natürlich in der fernen Vergangenheit zurechtzufinden, die für die anderen so schwer heraufzubeschwören und von ihnen auch meist nur so künstlich herausgearbeitet wird. Ich erinnere nur an die gegen 1874 berühmte Pfahlbautenbewohnerin des Schweizers Albert Anker, an den Steinzeitmenschen des Bildhauers Frennet oder an die Prähistorische Szene von Cormon. Ja in Rußland sind, trotz des Mangels an alten Denkmälern, die Spuren jener entfernten Herkunft im Volke nicht so sehr verwischt; dieses Volk ist noch hie und da gewissen primitiven Stämmen, wenigstens in seiner

Schlacht an Kerzhenez. Die Skizze des Vorhanges zur Oper N.A.Rimskij-Korsakovs "Sage über die unsichtbare Stadt Kitezh und die Jungfrau Fevronija". N.K.Roerich. 1911.
Schlacht an Kerzhenez. Die Skizze des Vorhanges zur Oper N.A.Rimskij-Korsakovs "Sage über die unsichtbare Stadt Kitezh und die Jungfrau Fevronija." N.K.Roerich. 1911.

Lebensweise, ziemlich nahe geblieben, und seine Holz- und Strohbauten - besonders im Norden bei Völkern des Weißen Rußlands - können uns das noch vergegenwärtigen, was die ersten Städte, die ersten mit Schanzpfählen umgebenen Einfriedigungen ungefähr waren. Ebenso können uns Klöster, wie die am Weißen Meere und an der Dwina einigermaßen ein Bild von den Anfängen des byzantinischen Christentums geben. Roerich sollte also nur um sich blicken, - freilich etwas aufmerksam, mit jener einsichtigen Aufmerksamkeit, die unter dem Heutigen das Vergangene zu sichten weiß, - um diese entfernte Vergangenheit aufs natürlichste wieder wachzurufen. Nicht viele Bücher, keine grüblerische Gelehrsamkeit, noch lange Beratungen und Nachforschungen in den Museen. Als Kind wohnte er einmal zufällig einigen Ausgrabungen in den Nord-Gubernien bei, und dies entschied über seinen Beruf. Ein ausgegrabener Kahn, etliche Fibeln, ein paar vorgefundene Töpfe haben ihm mehr gedient als das Zusammensuchen von schwer erreichbaren Bibliothekdokumenten.

In Paris befindet er sich gerade zur Zeit, als man die Werke Gauguins aus Tahiti zurückbringt, als man Cezanne rehabilitiert. Er braucht nicht lange, um die Sehnsucht zu begreifen, die diese des modernen Lebens überdrüssiger gewordenen Zivilisierten nach primitivem Empfinden, nach barbarischer Jugendlichkeit drängt. Und von dem, was sie so unbeholfen gesucht haben, - dieser in seiner dürren, steinichten Provence, jener bis nach Ozeanien, - merkt er sofort, daß es für die Künstler seines Landes das tägliche Brod sein könnte. So findet er in Paris selbst die Aufmunterung, sich dem noch mehr zuzuwenden, was ihn schon vorher anzog. Die Vereinfachheit und Rauheit der Ausdrucksmittel, verbunden mit der Pracht einer barbarischen Kostbarkeit, werden nunmehr zu den Grundmerkmalen seiner Kunst.

Solvejg. Die Skizze des Kostüms zum Drama Ibsens "Peer Gynt".  N.K.Roerich. 1912. Pfarrer-Teufel.  Die Skizze des Kostüms zum Drama Ibsens "Peer Gynt".  N.K.Roerich. 1912.
Solvejg. Die Skizze des Kostüms zum Drama Ibsens "Peer Gynt". N.K.Roerich. 1912. Pfarrer-Teufel. Die Skizze des Kostüms zum Drama Ibsens "Peer Gynt". N.K.Roerich. 1912.

Wie keiner hat Roerich in seinen Bildern von den altertümlichen, in der Wüste der horizontlosen Gebieten verlassenen orthodoxen Kirchen, von den noch unversehrten Winkeln der uralten in den wellenförmigen Schollen des "Tscherno Zion" liegenden Klöster, von den noch bestehenden Türmen und Bollwerken der gefestigten Städten, damaligen Republiken, die Großartigkeit und ergreifende Tragik wiedergegeben. Alles Wesentlicbe, was noch in seinem Lande zu sammeln war, hat er in einer Folge von Werken festgehalten, die fast ohne Ausnahme den ewigen Weg nach Amerika gewandert sind. Dann fing er an, auf dieser Grundlage auch das Treiben ehemaliger klösterlicher und kriegerischer Städte aufleben zu lassen. Die Turm- und Schiffbaumeister, die sich in Eroberungsflotten verwandelnden Werften, begeistern ihn zu heute ebenso berühmten Bildern als die feindlichen Einfalle vareghischer Piraten in russische Länder, die Handlungen der finnischen Zauberer in den steinernen, moorichten Landschaften, wohin sie ihre Renntiere treiben, als ihre mit Auerochs- und Elenschädeln besetzten Pfahlhecken, ihre aus Geröllsteinen auf dem kläglichen Rasen der "tundras" hergestellten, sozusagen kabbalistischen Zeichnungen. Er schildert das Wandeln und Treiben an den Seen und Strömen zur Palaffittenzeit, das Fahren der Kähne auf den mit Holzbrettern gepflasterten Straßen, welche von den Pech und Teer lieferden Flußhäfen des Kaspischen Meeres zum

Das Tristans Schiff. Die Skizze der Dekoration zur Oper R.Wagners "Tristan und Isolda". N.K.Roerich. 1912.
Das Tristans Schiff. Die Skizze der Dekoration zur Oper R.Wagners "Tristan und Isolda". N.K.Roerich. 1912.

Weißen Meere, vom Schwarzen Meere zur Ostsee führen. Dann kommt auch die alte russische Legende zu Wort. Nicht wie bei Bilibin in wenigen Gestalten des Volksmärchens, sondern in einem ganzen Volke von leibhaftigen Fischern, Jägern, Kriegern, Siegern und Besiegten verkörpert. Je weiter der Künstler schreitet, desto fester hält er denselben, ein-heitlichen Weg; um so heftiger wird auch sein Streben nach kräftig summarischer Ausführung, nach wuchtigem Erfassen des entscheidenden Effektes, nach äußerster Vereinfachung, um mit einem Schlage dem völlig verwirklichten Motive die denkbar stärkste Wirkung zu sichern. Und immer sind seine Motive, selbst wenn sie sich mit allen Reizen des frühen, herben, slavischen Frühlings schmücken, von einer düstren, epischen Herrlichkeit. Hierin will es mir scheinen, als ob eine nach Italien unternommene Reise nicht ohne Einfluß auf die neuere Orientierung der Roerich'schen Kunst geblieben wäre, denn die hellblauen und rosa Farben der Fresken von Tienna und San Gemignano haben sich in diejenige seiner Kompositionen übertragen, wo zwischen Birken und Primeln oder längs der trüben See an den Estländischen und Finnischen Meerbusen, ein junges Mädchen mit blonden Zöpfen und schweren, goldgeschmiedeten, antikem Diadem umherirrt. Früher oder später, - es war eben früh, - mußte dieser Künstler auch fürs Theater arbeiten; insbesondere schuf er für die russischen Opern und Ballett die packendsten, prächtigsten Dekorationen. Gerade diese Seite seines Schaffens kommt in unseren Abbildungen am meisten zur Geltung. Man weiß aber seit lange, daß auch Wagners Opern in Rußland mit Dekorationen von Roerich ausgestattet wurden; was er dort z. B. fürs Zauberfeuer ermalte, ist noch nirgends erreicht worden. Die Alpen kennt er aus mehreren Schweizerreisen, er brachte auch davon sehenswerte Studien mit; wenn er sie jedoch darstellen will, so tut er es auf eine Weise, die zu uns mehr vom Ural oder ganz besonders vom Kaukasus spricht, - einem Ural oder Kaukasus gewiß so fabelhaft wie der Odenwald eines Shakespeare, den aber unser Geist ohne jegliches Bedenken für den einzig wahren, für den der Dichtung von Lermontov und der Musik von Rimsky-Korsarkov oder Balakirev und der Großtaten ihrer Helden einzig würdigen erkennt.

William Ritter

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